| SoZ - Sozialistische Zeitung |
Widmen wir uns mal wieder der guten Wissenschaft: Weder Bild noch Big Brother, weder Wer wird Millionär
noch "Geiz ist geil" haben es offensichtlich geschafft, sämtliche kollektiven Instinkte der Menschen auszurotten und auf dem
Altar des Sozialdarwinismus zu opfern. Eine Studie vom kalifornischen Politikwissenschaftler James Fowler hat gerade ergeben, dass tief im
Menschen immer noch ein kräftiger Gerechtigkeitssinn schlummert. Seine Versuche unter Studierenden haben eindeutig gezeigt, dass die
meisten Menschen, bereit, wenn nicht sogar äußerst interessiert sind, andere Akteure, die zu Vorteilen und materieller Dominanz
kamen, auf eigene Kosten zu schwächen. Wer z.B. mit dem Einsatz von einem Euro einen reichen Kapitalisten um 10 Euro schädigen
könnte, ohne selbst davon zu profitieren, wird es meistens tun. Gleichzeitig ist die Bereitschaft der wenig bemittelten Akteure, mit Spenden
noch Ärmere zu stärken viel größer als bei den zufällig Reichen. Die Wissenschaft scheint dem Guten im Menschen
auf der Spur zu sein. Weiter so.
Gerade zu in Panik vor genau diesen sozialen Kräften gerät zur
gleichen Zeit eine strategische Untersuchung unter Leitung des Konteradmirals Chris Parry im Auftrag des britischen Verteidigungsministeriums.
Sie sollte erforschen, was die "Schlüsselrisiken für die kommenden 30 Jahre" seien. Ihre Ergebnisse seien "eher
wahrscheinlichkeitsbasiert als vorhersagend". Neben allerlei Ängsten, dass von den Militärs selbst entwickelte massenmordende
Waffensysteme in falsche Hände geraten könnten, stehen vor allem aktuelle Klassenkampfszenarien im Mittelpunkt der Studie. Im
Jahr 2035 ("if man is still alive...") wohnen 60% der Menschen in großen Städten, überwiegend in Slums und 98%
der Menschen leben in "Entwicklungsländern". Der Kampf dieser Mehrheit um das Überleben, um Wasser und andere
lebenswichtige Ressourcen wird unberechenbar sein. Die traditionellen Kriege zwischen Staaten würden völlig verschwinden, der
vulgäre Klassenkrieg der Armen gegen die Reichen stattdessen zunehmen. Die "Mittelklassen" könnten dabei zu
revolutionärer Kraft und Entschlossenheit kommen, weil sie großem Verarmungsdruck ausgesetzt und gleichzeitig durch die
Ungerechtigkeit und Schamlosigkeit der Superreichen empört sind. Die Prekarisierung und Proletarisierung der früheren
Bildungsbürger und Facharbeiter würde ein neues revolutionäres Subjekt schaffen, das gleichzeitig durch die neuen technischen
Möglichkeiten und ihre eigenen Qualifikationen unberechenbare Revolten und "flashmobs" auszulösen in der Lage ist.
Solche Theorien werden den alten Cheftheoretiker der Revolte der Marginalisierten, Karl-Heinz Roth, sicher erfreuen.
Das heilige römische Reich von heute, die immer enger
zusammenwachsenden reichen Machteliten auf dem Erdball, könnten, so fürchten die britischen Militärstrategen, einer
Bedrohung gegenüberstehen, wie das alte römische Reich des fünften Jahrhunderts angesichts der Goten und Vandalen.
"Es sprach der Herr zum Knecht mir geht es aber schlecht, da sprach der Knecht zum Herrn, das hör ich aber gern." Die
Waffen starrenden Herrscher dieser Welt haben offensichtlich große Angst, und fürchten nichts mehr, als den "Zusammenbruch
ihrer Sicherheitssysteme", an die sie gleichzeitig allerdings auch immer weniger glauben. Irgendwie haben solche Studien der wachsenden
Unsicherheit und Klassenkriege der Zukunft auch etwas Beruhigendes. Dennoch sollte diese Unsicherheit der Ungerechten
regelmäßig neu geschürt werden. Wenn Letztere sich im Juni hinter dem Sicherheitszaun von Heiligendamm verschanzen,
könnte es ihnen doch nachdrücklich vermittelt werden.
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