SoZ - Sozialistische Zeitung

Zur SoZ-Homepage SoZ - Sozialistische Zeitung, September 2007, Seite 09

Wir haben nichts zu verlieren!

Fahrradfabrik in Nordhausen weiter besetzt

von Dieter Wegner

Seit dem 10.Juli halten die Kolleginnen und Kollegen der Fahrradfabrik Bike Systems besetzt. Sie kämpfen für den Erhalt der Arbeitsplätze, wenigstens aber für anständige Abfindungen.
Wer nach Nordhausen (Thüringen) mit der Bahn fährt, um die Besetzer der Fahrradfabrik Bike Systems zu besuchen, braucht am Bahnhof keinen Passanten nach dem Weg zur Fahrradfabrik zu fragen — obwohl jeder den Weg weiß: der Besucher braucht nur seinen Ohren zu trauen. Er geht dorthin, wo ein lautes und permanentes Gehupe herkommt. Vor der Fabrik sieht man, zumindest bei gutem Wetter, etwa 20 Frauen und Männer in einer Reihe vor dem Werkzaun sitzen, einige haben rote Schirmmützen der IG Metall auf, alle haben Trillerpfeifen zur Hand. Fast jedes vorbeifahrende Auto hupt und alle Besetzer heben als Antwort eine Hand mit hoch gestrecktem Daumen und trillern nachhaltig. Ein hoher Lärmpegel an der viel befahrenen B80, vom Hellwerden bis zum Dunkelwerden. Eine Kollegin hatte am ersten Besetzungstag, dem 10.Juli, die Idee, ein Schild zu malen: Bitte hupen. Das Schild braucht niemand mehr hochzuhalten.
Es sind 135 Beschäftigte und 160 Leiharbeiter, die hier bis Dienstag Fahrräder gebaut haben, täglich bis zu 2000, zuletzt 9,5 Stunden am Tag, auch samstags. Auch nachdem sie erfahren hatten, dass das Werk geschlossen werden soll, montieren sie pflichtbewusst bis zum 10.7. weiter, bis zum letzten Auftrag. Für Juli haben sie ihren Lohn noch erhalten. Am Dienstag um 9.30 Uhr ist dann Betriebsversammlung. Tags zuvor hatten sie erfahren, dass man sie so schnell und so billig wie möglich loswerden will.

Heuschrecke am Werk

Bike Systems gehörte zu DDR-Zeiten zum VEB IFA Motorenwerk. Mitte der 80er Jahre erhielt IFA die Regierungsauflage, auch Konsumgüter herzustellen. Von da an wurden in Nordhausen Fahrräder gebaut. Nordhausen ist jetzt eine Kreisstadt mit noch 43000 Einwohnern. Seit der "Wende" hat die Belegschaft mehrere Besitzer erlebt und erlitten, auch ein abgewendetes Insolvenzverfahren.
Seit Dezember 2005 gehört Bike Systems dem Finanzinvestor Lone Star. Zu Lone Star gehörte auch Bike Systems in Neukirch (Sachsen). Im Dezember 2006 wurde IFA Neukirch geschlossen mit minimalen Abfindungen — die Kollegen wehrten sich nicht. Der Finanzinvestor ist gleichzeitig zu 25% an dem Konkurrenten MIFA (Mitteldeutsche Fahrradwerke Sangerhausen) beteiligt. Bike System in Nordhausen war von da an nur noch die verlängerte Werkbank für die MIFA. Lone Star hat alle Aufträge und alle Materialvorräte an den bisherigen Wettbewerber MIFA in Sangerhausen weitergegeben.
Am Dienstag, auf der Betriebsversammlung beschließt die Belegschaft spontan, die Fabrik zu besetzen. "Wir haben keine richtige Erklärung wie das kam, es entstand mitten in der Belegschaft." Die von Lone Star angebotene Summe hätte nicht mal ausgereicht, die Löhne für die Zeit des Kündigungsschutzes (ein bis sieben Monate, je nach Dauer der Betriebszugehörigkeit) zu zahlen. "Mit einem Appel und einem Ei" wie in Neukirch wollen sie sich nicht abspeisen lassen. "Als die letzten sich noch in die Listen eintrugen, haben die ersten schon unten Transparente gemalt." Immer wieder taucht darauf das Wort und das Symbol "Heuschrecke" auf.
Warum passierte in Neukirch nichts, hier aber wurde besetzt? "Wir haben nichts zu verlieren. Wir hatten immer ein gutes Betriebsklima, wie eine Familie. Und wir haben einen guten Betriebsrat." Ich frage einen Kollegen mit einer roten IGM- Schirmmütze, ob er Gewerkschaftsmitglied sei. "Ach wo, ich trage die Mütze nur wegen der Sonne, die blendet vormittags so, die Mützen wurden hier massenhaft verteilt." Ob denn viele Kollegen Gewerkschaftsmitglied seien, will ich wissen. "Außer dem Betriebsrat kaum welche." Dennoch ist ein Nordhäuser Gewerkschaftssekretär oft vor Ort und unterstützt den Kampf. Bei der Frage nach dem Lohn sind die Kollegen zurückhaltend: "Wir durften über den Lohn nicht reden, das sei ein Kündigungsgrund, wurde uns gesagt." Dann sagt der Kollege doch: "Wir verdienen etwa 1000 Euro netto, Urlaubs- und Weihnachtsgeld wurde uns ja schon gestrichen."
Es gibt keine vorfabrizierten IGM-Parolen sondern ausschließlich selbstgefertigte Transparente und Plakate, die der Lage Ausdruck geben: "Wir wollen arbeiten und lassen uns von der Heuschrecke Lone Star nicht auffressen."
Wie in der Produktion teilen die Schichtleiter die Besetzungsschichten ein, ein Zeichen, dass sie voll mitziehen. Der frühere Produktionsleiter (!) ist für Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Nur der Chef von Bike Systems, Frederick P. Müller, genannt Müller III, steht auf der Gegenseite. Nachdem er Neukirch erfolgreich im Sinne von Lone Star abgewickelt hatte, wurde der frühere Unternehmensberater, ein Wessi, Chef in Nordhausen. Als die Kollegen den Betrieb übernahmen, wahrte er nicht mehr die Contenance und geriet ganz außer sich.

Solidarität

Nachts stehen zehn Besetzer Posten, Frauen nur tagsüber. Am Tag sind oft 30 bis 40 Besetzer da, trinken Kaffee oder Selters, Bier ist verboten. Ständig ist was los, ständig muss organisiert werden. Am 17.Besetzungstag war ein Chor der Uni Göttingen, bestehend aus Ver.di-Kollegen, da. Sie sangen moderne und Arbeiterlieder. Sie hatten extra ein Lied gedichtet. Kurz vorher hatte die Belegschaft ein Kinderfest organisiert, viele Firmen der Stadt hatten es materiell unterstützt. Der Ertrag des Festes, 400 Euro, wurde für ein geplantes Kinderhospiz gestiftet. "Wir haben soviel Freundlichkeit und Sympathie aus der Stadt bekommen, das wollten wir zurückgeben."
Das Bläserquartett eines hiesigen Orchesters hatte ein kleines Konzert gegeben. Für die nächste Woche ist eine Fahrradtour durch Nordhausen und Umgebung geplant.
Am 23.Besetzungstag will Attac aus Leipzig kommen und einen Film über eine Fabrikbesetzung in Argentinien zeigen. Am 25.Besetzungstag dann Kollegen und Unterstützer der Bosch-Siemens-Hausgeräte aus Berlin, die einen Film über ihren Streik zeigen. Am kommenden Freitag gehen die Kollegen zum Blutspenden nach dem Motto: "Wir geben unseren letzten Tropfen, bevor uns Lone Star ganz aussaugt." Am Wochenende ist Stadtfest in Nordhausen. Die Besetzer machen eine Art TÜV-Stand: Alle Nordhäuser können ihre Fahrräder durchprüfen lassen.
Der thüringische Ministerpräsident Althaus war in einem Offenen Brief um Unterstützung, d.h. um die Suche nach einem Investor, gebeten worden und um einen Besuch im Werk. Die Antwort steht am 27.7. in der Thüringer Allgemeinen Zeitung: "Dieter Althaus (CDU) kommt nicht. Der Thüringer Ministerpräsident lehnte die Einladung ins Fahrradwerk ... ab. Die Landesregierung habe keine Möglichkeit, politischen Einfluss auf die Entscheidungen von Bike Systems zu nehmen..."
Die Absage wird schon als Affront empfunden: "Wir zahlen doch dem Althaus mit unseren Steuern sein Gehalt und der kommt nicht mal hierher." "Erst zahlen die Politiker denen Subventionen und die kriegen Steuerermäßigungen, dann macht Bike Systems den Laden dicht und braucht keine Steuern zurückzahlen. Und uns will Lone Star auch noch um die Abfindung prellen!"
Am Dienstagmittag dann ein Fax mit der förmlichen Absage. Der Ministerpräsident schreibt: "...eine Intervention mit dem Ziel der Rückgängigmachung der Betriebsstilllegung wäre offensichtlich aussichtslos..." Den Beschäftigten wird angeboten, bei MIFA in Sangerhausen weiterzuarbeiten.

Wir haben nichts zu verlieren

Nur zwei Kollegen haben eingewilligt. Die anderen befürchten, ihre in jahrzehntelanger Arbeit erworbenen Ansprüche zu verlieren: Kündigungsschutz bis zu sieben Monaten, Abfindung. Und sie fürchten, in Sangerhausen die ersten zu sein, die rausfliegen. Sie halten durch, weil sie eine angemessene Abfindung haben wollen, sie sehen nicht ein, dass sich ein milliardenschwerer Konzern aus der "Verantwortung davonstehlen" will.
Warum will Lone Star diese Peanuts nicht zahlen? Weil er befürchtet, in Zukunft mit hohen Abfindungsforderungen konfrontiert zu werden? Die Streikenden von AEG Nürnberg erkämpften sich bekanntlich 2006 eine monatliche Abfindungsquote von 1,88 pro Beschäftigungsjahr. Wenn kein Geld da ist, müsste Bike Systems Konkurs anmelden. Wenn das nicht passiert, wäre das Insolvenzverschleppung, die strafbar ist. Ein Konkurs andererseits würde dem Ruf schaden, den selbst Heuschrecken anscheinend noch zu verlieren haben. Außerdem besteht bis zum 31.12.07 Standortbindung, weil Bike Systems öffentliche Mittel erhalten hat.
Am liebsten wäre den Kollegen, es käme ein neuer Investor: "Was wir dann produzieren, wäre uns ziemlich egal." Das scheint mir aber nur so dahingesagt, der Produzentenstolz auf ihre Fahrräder dringt immer wieder durch.
Es gehen etliche Solidaritätsschreiben ein, in einigen steht die Aufforderung, doch die Firma zu übernehmen und weiter Fahrräder zu bauen. Es sind schon mehrere Bestellungen dabei! Ein Mann aus Holland schreibt, er kenne mehrere linke Fahrradhändler, die würden gern die Fahrräder aus der besetzten Fabrik verkaufen. Ich mache einen Kollegen auf die Bestellungen und Versprechungen aufmerksam. Er habe auch schon dran gedacht, das wäre eine schöne Lösung. Aber einige gute Kollegen, die man dazu brauchte, seien schon nicht mehr da — und woher solle das Geld kommen? "In der Fahrradbranche muss mit enormen Kapitalressourcen gearbeitet werden. Da die Aufträge sehr kurzfristig erteilt werden, ist eine kapitalintensive Vorratshaltung erforderlich. Mit einem Belegschaftsmodell würden wir die nötigen Darlehen hierfür nicht bekommen", sagt Jürgen Metz, der Rechtsanwalt, der die Belegschaft berät.
Ich denke an 1973, die Besetzung der Uhrenfabrik LIP in Besanšon (Frankreich). Bei ihnen wurden zigtausend Uhren in wenigen Wochen bestellt, sie kamen mit der Produktion kaum nach. Die Solidarität nicht nur in Frankreich war atemberaubend. Davon rede ich aber nicht. Ich würde mir vorkommen wie: Der rote Großvater erzählt.
Das zentrale Symbol der Besetzung ist die Heuschrecke, der zentrale Satz: "Wir haben nichts zu verlieren." Beim halbjährigen Streik bei Gate Gourmet in Düsseldorf 2005/2006 gab das Plakat "Menschenwürde!" den Kern des Kampfes wieder.
Auf der Heimfahrt fällt mir ein, dass die gelassene, ja heitere Stimmung der stärkste Eindruck in diesen beiden Tagen war.

Der Autor gehört zum Jour Fixe der Gewerkschaftslinken Hamburg (Stand 31.7.2007)


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