Sozialistische Zeitung

Zur SoZ-Homepage SoZ - Sozialistische Zeitung Nr.23 vom 08.11.2001, Seite 15

Amores Perros

Mexiko 2000, Regie: Alejandro González Iárritu; mit Emilio Echeverría, Goya Toledo, Gael García Bernal, Alvaro Guerrero, Start: 1.11.2001

Hunde (span.: perros) sind eine zentrales Motiv dieses Erstlings des mexikanischen Filmemachers Iárritu. Vom Schoßhündchen bis zum blutrünstigen Kampfhund ist alles vertreten, entsprechend ihren jeweiligen Besitzern. Durch die Hunde und einen Autounfall werden in einem etwa 150 Minuten langen Film drei Geschichten in der 22-Millionen-Metropole Mexiko-Stadt miteinander verbunden. Mexiko ist als Filmland in Europa allenfalls durch die Werke aus der mexikanischen Zeit Luis Buuels bekannt. Dass es darüber hinaus ein interessantes Filmland ist, wird durch diesen Film eindrucksvoll bewiesen. Der 1963 geborene Regisseur ist ein erfolgreicher Radiomoderator, Produzent und Gründer einer Werbeagentur, also ein erfahrener Medienprofi und nicht etwa ein bisher unentdecktes Talent aus der Gosse, dass uns besonders authentisch die Lebensverhältnisse in der Dritten Welt vermitteln könnte. Das heißt nicht, dass der Film nicht authentisch wäre, aber er ist keinesfalls ein Film für Sozialromantiker. Dafür sind die gezeigten Bilder zu bedrückend und teilweise zynisch.
Die Figuren sind, egal ob sie zur Ober- oder Unterschicht gehören, nur daran interessiert, ihren persönlichen Vorteil zu finden. Die einzigen Lebewesen, für die sie ernsthafte Gefühle zu haben scheinen, sind ihre Hunde. So beginnt der Film mit einer rasanten Verfolgungsjagd, wobei im verfolgten Auto ein verwundeter Dobermann auf der Rückbank liegt. In einem anderen Strang der Geschichte suchen ein reicher Verleger und ein Topmodel die ganze Zeit nach ihrem Hündchen, das sich unter dem Parkett ihrer Wohnung blutige Kämpfe mit Ratten liefert. Die Hauptfigur der dritten in diesem Film erzählten Geschichte — ein Auftragskiller — schafft es nicht, den besagten Dobermann, den er gesund gepflegt hat, zu erschießen, obwohl er seine anderen Hunde tot gebissen hat — bei Menschen ist der Mann nicht so zimperlich.
Die Hunde sind nicht nur Liebesobjekte (amores bedeutet Liebschaften), sondern auch vermeintliche Mittel, das eigene Glück zu finden. So will Octavio in der ersten Geschichte durch Hundekämpfe reich werden. Das Topmodel Valeria in der zweiten Geschichten scheint über den Verlust ihres Hündchens trauriger zu sein als über ihre schweren Verletzungen bei besagtem Autounfall. Als der Hund wiedergefunden wird, verliert sie ihr Bein und damit auch ihren Job. Der Killer "El Chivo", der früher Guerillero und davor Professor war, ist im Gefängnis zum zynischen und verbitterten Menschenfeind geworden. Seine Hunde und ein noch zynischerer Polizist, der ihm "Aufträge" vermittelt, sind seine einzigen "Freunde". Seine Opfer werden aber auch nicht gerade als Sympathieträger dargestellt. Als alle seine Hunde bis auf einen getötet werden, findet er immerhin die Liebe zu seiner Tochter wieder.
Insgesamt ist der Film sehr schwere Kost. Manchmal ist er fast unerträglich, Hoffnung lässt er nur wenig. Ästhetisch ist er hervorragend. Die Bilder sind beeindruckend, die Erzählweise, die nicht chronologisch ist, erinnert an Quentin Tarantinos Pulp Fiction und an Jim Jarmuschs Mystery Train. Es fehlt ihm aber die spielerische Leichtigkeit dieser US-amerikanischen Filmemacher. Das mag daran liegen, dass die Situation vieler Menschen in Mexiko-Stadt hoffnungsloser ist als in Los Angeles oder Memphis. Es mag auch daran liegen, dass Menschen in der Dritten Welt weniger auf individuelle Glücksversprechen vertrauen als in Nordamerika oder Westeuropa.
Für Cineasten ist der Film Pflicht. Normale Menschen sollten sich darüber klar sein, dass man sich mit diesem Film keinen "netten Abend" machen kann. Zur Vermittlung gewisser Realitäten, die einem als Metropolenbewohner nicht im Alltag begegnen, ist der Film sehenswert. Starke Nerven sollte man jedoch mitbringen.

Andreas Bodden

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