SoZ Sozialistische Zeitung

Zur SoZ-Homepage SoZ - Sozialistische Zeitung, Mai 2002, Seite 20

Das Prinzip Arbeit

Oskar Negt über die Arbeit nach dem Ende der Arbeitsgesellschaft

Oskar Negts Buch Arbeit und menschliche Würde kann als ambitionierter Versuch gelesen werden, die Frage zu beantworten, weshalb es immer noch sinnvoll ist, sich in der Perspektive emanzipatorischer Gesellschaftsveränderungen programmatisch auf die Arbeit als Wertmaßstab zu beziehen: Sie stellt inhaltlich die Gegenposition zum Herrschaftsprinzip "Kapital" dar, weil sie substanziell auf konkrete Lebensinteressen und solidarische Vergesellschaftungsformen verweist.
Anders als es das herrschende Denken zu vermitteln versucht, ist die soziale und individuelle Bedeutung lebendiger Arbeit ungebrochen: Es ist zwar richtig beobachtet, dass sich die "Arbeitsgesellschaft" in einer Krise befindet; jedoch nicht weil die Bedeutung der Arbeit im Sinne eines tätigen Weltverhältnisses geringer geworden wäre, sondern weil durch einen veränderten Modus der Kapitalakkumulation das Kapital so skrupellos wie schon seit Jahrzehnten nicht mehr Arbeitskraft (und d.h. menschliche Lebenstätigkeit) wie eine tote Ware behandeln kann.
Wie elementar auch in der sog. "postindustriellen Gesellschaft", in der vorgeblich "die Tatbestände von Arbeit, Produktion und Erwerb immer weniger die Verfassung der Gesellschaft im Ganzen" prägen (Jürgen Habermas), die Berufstätigkeit tatsächlich ist, wird bei einer Analyse der Nicht-Arbeit in Form der Arbeitslosigkeit deutlich: Psychische Destabilisierungen, quälende Ängste, Schuldkomplexe und soziale Desintegrationstendenzen sind bei den aus dem Arbeitsleben ausgegrenzten Menschen häufige Konsequenzen. Auch deshalb ist "Arbeitslosigkeit ein Gewaltakt ein Anschlag auf die körperliche und seelisch-geistige Integrität der Menschen" (Negt).
Dass vom herrschenden Denken vollmundig der Bedeutungsverlust lebendiger Arbeit behauptet wird, hat viel mit den ideologischen Bedürfnissen der Herrschenden zu tun. Denn das Gerede von der "Wissensgesellschaft" oder dem "Ende der Arbeitsgesellschaft" ist von der Absicht geprägt, mit der Verschleierung der tatsächlichen Bedeutung der Arbeit, auch die Tatsache vergessen zu lassen, dass die "Verfügung über fremde Arbeit Herrschaft" begründet (Negt).
Zweifellos haben sich die Verwertungsformen der Arbeitskraft verändert: Sie wird vom Kapital selektiver und mit gesteigerter Verwertungsabsicht in Anspruch genommen. Denn durch die "neoliberalen" Umgestaltungen ist das Machtpotenzial des Kapitals objektiv größer geworden: Weil ein weltweites Arbeitskräftereservoir zur Verfügung steht, kann der Druck auch auf die Beschäftigten verstärkt, die Ausbeutung intensiviert und die Mehrwertrate erhöht werden: "Seit Jahren dringt die Angst, durch Arbeitsplatzverlust aus dem gesellschaftlichen Ganzen vertrieben zu werden, in alle Poren unserer Lebenszusammenhänge" (Negt).
Es vollzieht sich in widersprüchlicher Form eine Rekonstruktion und Stabilisierung der Ausbeutungsverhältnisse, bspw. durch den Abbau von Arbeitsplätzen, um den Arbeitsaufwand der verbliebenen Belegschaft aufzubürden. Mit immer kleineren Belegschaften muss immer mehr geleistet werden. Gut marxistisch gesprochen: Die Ausbeutung wird intensiviert, um eine noch größere Mehrwertmasse aus der lebendigen Arbeit heraus zu pressen!

Sieg über die Arbeiterklasse

Die kapitalistische Gesellschaftsformation präsentiert sich als außerordentlich produktiv. Jedoch ist sie nicht nur von dem Makel geprägt, dass der Reichtum sehr ungleich verteilt ist, sondern auch dadurch, dass ihre Produktivität immer wieder in Selbstzerstörung umschlägt. Die Kapitalgesellschaft kennt kein menschliches Maß, weil das Ausdehnungsstreben und die Verwertungsdynamik für sie Selbstzweck ist: "Sie droht an ihrem Reichtum, ihren Überschussprodukten zu ersticken und ist gleichwohl außerstande, Millionen von Menschen das zivilisatorische Minimum für eine menschliche Existenzweise zu sichern" (Negt).
Nach Jahren einer ökonomischen Schönwetterperiode haben die alten Fragen von Privilegierung und Unterprivilegierung auch in den entwickelten Weltzonen eine neue Aktualität bekommen. Der in einer historischen Sonderphase entstandene sozialstaatliche Kompromiss wird vom Kapital nachdrücklich in Frage gestellt: "Das Kapital hat der Arbeiterklasse den Krieg erklärt — und gewonnen" (L.Thurow). Eine eskalierende Widerspruchsentwicklung, eine destruktive Dynamik von Spaltung und Ausgrenzung, Privilegierung und Benachteiligung hinterlassen ihre Spuren in vielen Lebensbereichen.
Durch seinen erweiterten Handlungsspielraum kann das Kapital tiefgreifende Umstrukturierungen in den Arbeitsbeziehungen, aber auch in vielen Lebensbereichen durchsetzen. Intendiert ist, wie Negt eindrucksvoll darstellt, nichts weniger als ein neues, dem universellen Verwertungsbegehren des Kapitals adäquates Vergesellschaftungsmodell.
Das ökonomisch definierte, jedoch als politischer Kampfbegriff eingesetzte Stichwort lautet "Flexibilisierung". Mit normativem Grundton wird damit der Trend bezeichnet, die Arbeit und damit auch das Leben auf ein Zeitschema ohne Begrenzungen und Rücksichten zu verpflichten. Die soziale Welt soll auf einen Funktionsmechanismus zur Profitmaximierung reduziert und die Menschen mit all ihren sinnlichen und intellektuellen Potenzen bruchlos in den Selbstverwertungskreislauf des Kapitals integriert werden.
Den ökonomischen Rationalisierungseffekten stehen jedoch sozial-destruktive Konsequenzen gegenüber: "Wenn vom flexiblen Menschen als dem Idealbild unternehmerischer Existenzweise geschwärmt wird, sind immer Momente der Entwurzelung, der allseitigen Verfügbarkeit der Menschen im Spiel. Moderne Gesellschaften drohen die Basis für gelungene Subjektausstattungen zu ruinieren." (Negt.)

Arbeit und Globalisierung

Arbeit und menschliche Würde ist nicht bloß ein weiterer Beitrag zur Globalisierungsdebatte, obwohl Negts Ausführungen auch zu diesem Thema mit den herrschenden Selbsttäuschungen gründlich aufräumen: Denn nicht "Globalisierung" als Ausdehnung und grenzüberschreitende Vernetzungen sind die treibende Kraft; "das absolut Neue besteht darin, dass die Kapital- und Marktlogik von nahezu allen Barrieren, Kontrollen, Widerständen, Gegenmachtpositionen befreit" (Negt) worden ist. Aus dieser "Entgrenzung" resultiert eine Destruktionstendenz, die den eigentlichen Skandal der radikalisierten Kapitalgesellschaft ausmacht.
Die "Kosten der Globalisierung" werden durch Negts dialektisches Problemverständnis in ihrer ganzen Dramatik deutlich: Das schrankenlose Verwertungsstreben bedroht die menschliche Integrität und die psychischen Selbststabilisierungseigenschaften der Individuen. Die Dominanz des Profitprinzips saugt die Menschen emotional und auch intellektuell aus. Zu diagnostizieren ist als Konsequenz eine "Erosionskrise als eine die Gesamtgesellschaft erfassende und bis in die Poren eindringende Entmischung des vorher selbstverständlich Zusammengehörigen" (Negt).
Die Dramatik dieser Entwicklung manifestiert sich in der Auflösung zivilisatorischer Standards und soziokultureller Errungenschaften: Von den herkömmlichen Krisen unterscheiden sich Erosionskrisen wesentlich dadurch, "dass sie die Subjekte in ihrer seelischen, körperlichen und geistigen Grundausstattung erfassen" (Negt). Vielfältig sind die Symptome des Verfalls: Millionen Alkohol- und Tablettenabhängige sind Spiegelbild des pathologischen Zustands einer Gesellschaft, in der trotz hochentwickelter Kommunikationsmöglichkeiten die Menschen vereinsamen und sich verloren fühlen. Immer größer wird die Zahl der in Gefängnissen und Anstalten weggeschlossen. Tausende Kinder sind psychisch so geschädigt, dass sie sozial als nicht mehr integrationsfähig angesehen werden.
Psychische Instabilitäten und soziale Anomien resultieren aus einem tiefen Selbstwiderspruch des entwickelten Kapitalismus: Obwohl auch weiterhin Leistungsbewusstsein und Arbeitsorientierung zu den im Sozialisationsprozess vermittelten Basisorientierungen gehören, wird es den ausgegrenzten Subjekten unmöglich gemacht, diesen Anforderungen zu genügen.
Diesem Problemkomplex nicht die notwendige Aufmerksamkeit zu schenken ist ein ernstes Defizit des Buches. Denn anders als Negt im intellektuellen Windschatten von Habermas und Offe unterstellt, kann realiter nicht von einer Bedeutungsminderung verinnerlichter Leistungsorientierungen gesprochen werden.
Gerade weil das Leistungsprinzip ungebrochen existiert und für die Subjekte eine maßgebliche, die psychische Selbststabilisierung ermöglichende Orientierungsgröße darstellt, jedoch lebenspraktisch oft nicht mehr eingelöst werden kann, verzweifeln die Menschen, werden destruktive Potentiale freigesetzt und der Weg zur Übernahme irrationaler Orientierungen — darin eingeschlossen faschistoider Weltbilder — geebnet.

Möglichkeiten für Veränderungen

Oskar Negt ist bemüht, seine eigene Position als konsequente Weiterentwicklung des Denkansatzes von Horkheimer und Adorno erscheinen zu lassen. Das ist sicherlich in Hinblick auf den sozialpsychologischen Problemzugang und zentrale methodologische Prinzipien berechtigt. Problematisch ist es jedoch, die "Kritische Theorie", die in ihrem Kern an ein resignatives Geschichtsverständnis gekoppelt ist, in die Traditionslinie eines sozialistischen Humanismus zu stellen, dem Negt sich verpflichtet fühlt und zu deren Selbstverständigung Arbeit und menschliche Würde einen gewichtigen Beitrag leistet.
Während die Dialektik der Aufklärung von Horkheimer und Adorno das Scheitern historischer Selbstbestimmungsversuche verkündet und — ganz im Sinne herrschaftskonformer Weltanschauungsmuster! — die Universalität menschlicher Machtverfallenheit behauptet, beschäftigt sich Negt mit den realen Schwierigkeiten, Bemühungen und Rückschlägen des Emanzipationsstreben.
Dabei weigert er sich, die katastrophalen Niederlagen der Emanzipationsbewegungen des 20.Jahrhunderts zu verabsolutieren, und fragt stattdessen nach den realen Ursachen des Scheiterns und den Möglichkeiten nichtantagonistischer Vergesellschaftungsformen. Negt fordert zum intensiven Nachdenken über die Konturen einer "politischen Ökonomie lebendiger Arbeit" als Alternative zur kapitalistischen "Ökonomie der toten Arbeit" auf. Doch damit hat er sich — mit produktiven Auswirkungen — schon weiter von diesem Schulzusammenhang entfernt, als er es sich selbst eingestehen möchte.
Diesen Einwänden wären noch einige andere an die Seite zu stellen. Das ändert jedoch nichts an der Substanz des Buches. Sie mindern weder seine politische Wichtigkeit noch gegenwartsanalytische Aktualität. Es gibt auf der Linken wenige Autoren mit einem so eminenten historischen Sinn und noch weniger Beiträge, die in solch gelungener Form das Besondere und das Allgemeine, objektive Ursachen und individuelle Reaktionsformen zueinander in Beziehung zu setzen verstehen.
Werner Seppmann

Der Autor ist Mitherausgeber der Marxistischen Blätter und Autor von Das Ende der Gesellschaftskritik?, Köln 2000.



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