SoZSozialistische Zeitung

Zur SoZ-Homepage SoZ - Sozialistische Zeitung, Dezember 2004, Seite 12

ESF London

Versuch einer Gesamtbewertung

von Bernhard Schmid

Eine Gesamtbilanz des diesjährigen ESF wird im Endeffekt davon abhängen, was von der geplanten Zusammenarbeit und Vernetzung der sozialen Bewegungen auf kontinentaler Ebene in den kommenden Monaten tatsächlich umgesetzt wird und was nicht. Die Erfahrung mit dem letztjährigen Pariser ESF und seinem Nachspiel mahnt dabei zur Vorsicht. Festzuhalten bleibt, dass der Verlauf des diesjährigen ESF in London insgesamt in einem Punkt positiver zu werten ist als jener des ESF von 2003: Die enorme räumliche und deswegen auch inhaltliche Zersplitterung vom vorigen Jahr wurde nicht wiederholt, sodass man sich vergleichsweise problemlos von einem Themenbereich zum nächsten begeben oder, sofern man wollte, auch »zappen« konnte.
Die Gesamtmobilisierung fiel mit 19000 eingeschriebenen Teilnehmenden schwächer aus als in Paris (rund 50000) und Florenz im November 2002. Das hängt wohl unter anderem mit einem Rückgang der gewerkschaftlichen Mobilisierung zusammen. Präsent waren in London vor allem die jungen TeilnehmerInnen unter 30 und unter 25 Jahren einerseits und die politischen Aktivisten der Linken plus der NGO- und Initiativenspektren andererseits. Die moslemische Teilnehmerschaft blieb ihrerseits sehr minoritär, jedenfalls was die Teilnahme an den Debattenforen betrifft. Der relative Rückgang der Teilnehmerzahlen ist wahrscheinlich und in bestimmten Grenzen ein unvermeidbarer Prozess, da doch klar sein muss, dass nur eine begrenzte Zahl von Leuten es sichzeit-, energie- und geldmäßig leisten können, regelmäßig quer durch die EU in wechselnde Städte zu reisen. Eine »Professionalisierung« genannte Institutionalisierung und Monopolisierung durch hauptamtliche NGO-Funktionäre ist jedenfalls nicht damit einhergegangen.
Insgesamt war das Sozialforum in London ziemlich »jung« und ziemlich »rot«. Das ist atmosphärisch eher angenehm (sieht man von einigen nervenden Politsekten mal ab), aber reduziert das Spektrum ein wenig. Britische Gewerkschaften waren aus Großbritannien ziemlich stark vertreten, während aus den anderen Ländern vor allem Vertreter von alternativen oder Basisgewerkschaften wie den französischen SUD oder den italienischen COBAS kamen. Die CGT glänzte fast völlig durch Abwesenheit und aus deutschen Landen gab es einen Block von IG Metallern auf der sonntäglichen Abschlussdemo sowie eine Delegation, die hinter einem Transparent »Montagsdemonstrationen Leipzig« lief.
Die zwar noch stattliche, aber doch deutlich gesunkene Teilnehmerzahl ist an sich kein Drama, wenn damit künftig eine größere Ernsthaftigkeit in der längerfristigen Perspektive einher gehen würde, d.h., wenn aus dem bisher noch dominierenden Eindruck eines bunt zusammen gewürfelten »Jahrmarkts der Möglichkeiten« allmählich ein ernsthafter und über den Tag hinausreichender Versuch einer Zusammenarbeit »von unten her« wird.
Würde man sich zukünftig — ohne freilich deswegen den Austausch zu anderen Themen abzuschneiden oder einzuengen — thematisch stärker konzentrieren, bspw. auf das Thema »Prekarität, Prekarisierung von Arbeit«, könnte man damit Themen wie die »Einwanderungsgesetze« ebenso in Verbindung bringen wie viele der internationalistischen Themen. So ließe sich Solidarität mit sozialen Bewegungen konkreter fassen und eine stark »identitäre«, plakative und mystifizierte Solidarität mit ganzen Ländern vermeiden, welche oft innergesellschaftliche Widersprüche und Konfliktlinien ausblendet, so als ob etwa die irakische oder palästinensische Gesellschaft einen homogenen Block ohne innere Konflikte oder Debatten darstellten. Internationale Solidarität sollte eindeutig als eine mit progressiven und an einer solidarischen Perspektive ausgerichteten Organisationen oder Bewegungen definiert werden.

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