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Homepage SoZ - Sozialistische Zeitung, November 2005, Seite 21

Mestizo Music

Our Own Voice

»Rebellion in Lateinamerika«, so der Untertitel eines Samplers den das Label »Our Own Voice« des Trikont-Verlags im September veröffentlichte. Die Musik der Bewegungen gegen die soziale und kulturelle Unterdrückung in Lateinamerika schwappt seit Jahren auch zum alten Europa herüber. Der Globalisierung der Ökonomie wird auf diesem Sampler eine Sammlung von 17 Mestizo- Rock-Liedern entgegengestellt, die unter anderem gegen die Auswirkungen des IWF ansingen, wie die argentinischen Karamelo Santo in »La Piquedura!«, oder den Aktionen der Piqueteros in Argentinien ein Loblied singen wie die Manos de Filipe in »Los Métodos Piqueteros«. Diese neue Rockmusik Lateinamerikas ist wiederum beeinflusst von dem was sich in den europäischen Großstädten an sog. Weltmusik in den letzten Jahren getan hat. So ist es nicht verwunderlich, das der Eröffnung der Scheibe mit dem Hit »La Carencia« der mexikanischen Panteón Rococó, der Pariser Sergant García mit »Acabar Mal« folgt.
In Solidarität zu den Zapatisten in Mexiko gibt es das wunderschöne »Somos Viento« der Gruppe Amparanoioa. Die Band um die charismatische Sängerin Amparo Sánchez aus Barcelona macht musikalisch deutlich, wie groß Manu Chaos Einfluss auf den Mestizo-Rock ist. »Anzufangen ist schwierig / aber wir schreiten voran/ für eine Zukunft, die unsere Kinder feiern können / wir sind der Wind, der tanzt und singt / zusammen sind wir ein Orkan«, singt Amparo Sánchez.
Der Bellavista Social Club steuert dieser Compilation mit »Reclútame« eines der musikalisch nachdenklichsten Stücke bei. Es geht um ein Thema, das weltweit eine Rolle spielt, aber nur in Ausnahmefällen über die eigenen Landesgrenzen hinaus wahrgenommen wird: die Kriegsdienstverweigerung.
Ihre Musik, die sie »Mestizaje Electrónico« nennen, verbindet Reggae Musik mit kubanischen Einflüssen und elektronischer Dub Musik. Der Name spielt auf ein Gefängnis in Medellín ebenso an wie auf die kubanischen Musiker des Buenavista Social Clubs. Die Bedrängnis, für das dieser Knast steht und die sie in ihrer Heimatstadt erleben, bekommt mit der Verbindung zum weltweit erfolgreichen kubanischen Musikexport ein Kontrastmittel eingehaucht. Selten ist der Name einer Band in der Musik gleichermaßen gespiegelt wie bei Bellavista Social Club.
Beendet wird die CD mit dem »Hino do MST«, gesungen vom Chor der Universität So Paulo. Sicherlich strenggenommen kein typischer Mestizo-Rock-Beitrag. Hier wird jedoch eine Brücke geschlagen zur Musik der 70er Jahre, als Musikgruppen in den Ländern Lateinamerikas gegen die Militärdiktaturen ansangen. Die Schulden, die viele Staaten in Lateinamerika heute gegenüber den internationalen Banken haben, sind zu einem großen Teil unter diesen Diktaturen entstanden. Gegen solche Schulden wird in vielen Liedern auf dieser CD direkt oder indirekt angesungen, da ist es nur logisch, das die Hymne der Landlosenbewegung in Brasilien eben musikalisch die Kontinuität zum damaligen Widerstand herstellt.
Die Mischung der Musikstile, die sich unter dem Mantel Mestizo-Musik auf dieser Produktion vorstellen geben einen hör- wie tanzbaren Eindruck der verschiedenen Stile aktueller Latinomusik von mehr Jazzigem zum Ska über gerappte Versatzstücke und Einflüsse klassischer lateinamerikanischer Musik. Sie rocken. Wenn die Bewegungen in Lateinamerika genauso wach sind wie diese Musik, dann sollten sich auch verschlafene Europäerinnen und Europäer von diesem Sound und diesem Rhythmus aufwecken lassen.
Damit die Texte nicht völlig hinter der Musik verschwinden, hat das Label ein informatives Booklet zur CD produziert, das einen Teil der Texte im spanischen bzw. portugiesischen Original und in englischer wie deutscher Übersetzung beisteuert. Ebenfalls finden sich darin kurze Beschreibungen von den Machenschaften des IWF über die Politik der Zapatisten bis hin zur Situation der Straßenkinder in Brasilien.

Thomas Schroedter

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