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Zur SoZ-Homepage SoZ - Sozialistische Zeitung, Dezember 2005, Seite 19

Hans-Dieter Schütt: Regine Hildebrandt. Ich seh doch, was hier los ist, Köln: Gustav Kiepenheuer, 2005, 342 Seiten, 19,90 Euro

Regine Hildebrandt Ein Traum von Menschlichkeit

Plötzlich, spätestens dann, wenn die Augen des Lesers im zweiten Kapitel ruhen, glaubt man, diese Regine stünde neben einem und frage in ihrer unnachahmlichen Art: »Na, wat haste denn heut schon für die Menschen geleistet?« Unweigerlich packt einen das schlechte Gewissen, falls nur das Wohlgefühl des eigenen Ichs auf der Tagesordnung gestanden haben sollte.
Dieser Biografie einer ungewöhnlich demokratisch gesinnten Frau — die nach 1989 nicht nur zur beliebtesten Politikerin in Ostdeutschland avancierte, sondern die bereits in der DDR als promovierte Biologin im VEB Berlin-Chemie für das »reinste Insulin im Ostblock« und für »klärende Gespräche« im Kollegium sorgte —, gelingt es vortrefflich, in unser so privat fixiertes bürgerliches Gewissen die Aura einer Frau zu reproduzieren, die liebevoll, aber unbarmherzig zu sich selbst, oft auch anderen gegenüber, jeden Tag als einen verlorenen Tag bezeichnete, an dem sie nicht etwas sinnvolles für andere Menschen und für die Familie in Bewegung gesetzt hatte.
Sie passte mit ihrer Offenheit und Ehrlichkeit so gar nicht in das Bild einer politischen Klasse, für die Taktik und Sachlichkeit über das menschlich soziale Gelingen unseres Lebens dominieren muss, wenn »vernünftige« Politik denn gestaltet werden soll.
Für Regine Hildebrandt war Demokratie nicht eine Floskel, hinter der sich Karrierismus und Egoismus bestens verstecken kann. Sie lebte Demokratie nicht repräsentativ, sondern wollte direkte Demokratie, was bei ihren Widersachern, besonders in der CDU, überhaupt nicht geschätzt wurde. »Meine Kraft kriege ich daher, dass ich im Lande unterwegs bin. Ich seh doch, was hier los ist, und ich weiß es, weil ich bei den Leuten bin — und nicht dadurch, dass ich Königinnen empfange.«
Sie wusste auch von der Not der Frauen, die gezwungen sind zur Abtreibung, deshalb kämpfte sie Ende Mai 1993 mit allen Mitteln gegen das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes, das die Fristenlösung und die Beratungspflicht verwarf. Sie nannte dieses Urteil einen »Rückfall ins Mittelalter!« Auch von der westdeutsch implantierten Demokratie wurde sie enttäuscht, hatte sie doch gehofft, endlich sei die staatliche Manipulation des Volkes beendet. Die Formen der Manipulation hatten sich jedoch nur geändert.
Einer ihrer Widersacher, der stets so repräsentativ wirkende Innenminister Wolfgang Schäuble, nannte diese Frau, die ihr Herz auf der Zunge trug, »unerträglich«. Auch die heutige Kanzlerin Angela Merkel erzürnte sich über die so wenig repräsentativ wirkende demokratische Entschlossenheit der Sozialministerin des Landes Brandenburg, die 1993 die Neuauflage der »Montagsdemonstrationen« forderte, und zwar vor Brandenburgs Arbeitsämtern, um gegen die Einsparungen bei Fortbildungs- und Umschulungsprogrammen zu protestieren. Die damalige Bundesfrauenministerin Merkel nannte diesen Aufruf einen »Skandal«.
Regine Hildebrandt »eierte« nicht, sondern ging den aufrechten Gang — auch in Zeiten der DDR. Sie blieb als Ministerin des Landes Brandenburg die einfache »Köchin«, die den Staat mitlenken wollte. Solche Frauen passen nicht in die Marketinggepflogenheiten eines Parlamentarismus, in dem sich repräsentative Volksvertreter mehr an ihre Beraterverträge und Aufsichtsratsposten gebunden fühlen als an ihre Wählerschaft im Wahlbezirk. Hildebrandt wurde daher mit allen unsauberen, aber auch sachlich wie rechtsstaatlich vorgetragenen Behauptungen bombardiert, um sie an ihrer Arbeit für die Rentner, die Kranken und Frauen zu behindern. Als sich die SPD 1999 weigerte, eine, von der Sozialministerin Hildebrandt geforderte, Koalition mit der PDS einzugehen, trat sie von ihrem Amt zurück, denn eine Koalition mit den »Arschlöchern« der CDU des Ex-Militärs Schönbohm war ihr unerträglich. »Taktisches Vorgehen zum Erzielen eines erfolgversprechenden Effektes ist mir in der Seele zuwider.«
Bis zu ihrem Todestag, dem 26. November 2001, den sie bewusst kommen sah, blieb diese Frau ihrer aktiven Lebensart verbunden. Noch im Oktober war ihr Terminkalender prall gefüllt, von »Hospizeinweihung in Frankfurt/Oder« bis zu einem TV- Termin mit Dorothee Sölle, bei dem über Sterbehilfe gesprochen wurde. Sie lebte, ohne sich vom baldigen Tod bannen zu lassen.
Ja, diese Hildebrandt war noch eine, die sich darüber aufregen konnte, dass Mitglieder der SPD in teuren Hotels Quartier beziehen, wenn sie zu Veranstaltungen reisen, und nicht Herberge bei denen suchen, die sie als ihre Wähler umwerben. Die spinnt doch, werden die erlauchten Herrschaften lachend gefeixt haben — über jene Frau, die noch einen Traum von Menschlichkeit verwirklichen wollte.

Jürgen Meier

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