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SoZ SoZ - Sozialistische Zeitung Nr.23 vom 12.11.1998, Seite 6

Europa kämpft um kürzere Arbeitszeiten

Von Strategien der Arbeitszeitpolitik und Trugbildern der Statistik

Die Produktivität und die Massenerwerbslosigkeit wachsen gleichzeitig an. Um diesen Zusammenhang aufzuheben, sind in den vergangenen Monaten überall in Europa wieder Arbeitszeitverkürzungen versucht worden. In Deutschland herrscht derweil noch immer Friedhofsruhe.
  Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst der Arbeitszeitverkürzung: Im Jahr 2000 wird die französische Regierung die 35-Stunden-Woche per Gesetz einführen. Mit ihrer Politik geht sie im europäischen Vergleich am energischsten gegen die Erwerbslosigkeit vor. Auch in Italien hat die Regierung einen Rahmengesetzentwurf für Tarifverhandlungen vorgelegt. Das Ziel des Entwurfs ist der Übergang zur 35-Stunden-Woche ab dem Jahr 2001. In Spanien hat die sozialdemokratische Gewerkschaft UGT die französische Politik zum Vorbild genommen: Sie fordert von der eigenen Regierung ebenfalls eine gesetzliche Initiative zur Arbeitszeitverkürzung.
  In den Niederlanden hatten die Gewerkschaften zehn Jahre lang ausschließlich Teilzeitarbeit gefördert. 1997 setzten sie nun in einigen Dienstleistungsbereichen erstmals wieder kollektivvertragliche Arbeitszeitverkürzungen durch. In Schweden fordert die Regierung die Tarifparteien zu Verhandlungen über Arbeitszeitverkürzungen auf. Sie droht eigene Schritte an, falls diese Verhandlungen zu keinen Ergebnissen führen. Und in Dänemark fand Anfang dieses Jahres die seit langem bemerkenswerteste Massenaktion für Arbeitszeitverkürzungen statt: ein elftägiger Generalstreik für die sechste Urlaubswoche.
  Den Streik in Dänemark beendete die Regierung mit einer umstrittenen Zwangsschlichtung: Alle Beschäftigten erhalten einen Tag mehr Urlaub, Frauen und Männer mit Kindern zusätzlich zwei (ab 1999 drei) "Kinderbetreuungstage". Das Resultat ruft in Erinnerung: Es gibt auch andere Gründe für Arbeitszeitverkürzungen als allein die Bekämpfung der Erwerbslosigkeit.
  Und noch etwas hat sich verändert in den letzten Jahren: Früher machten Gewerkschaften Arbeitszeitpolitik, heute sind es immer öfter die Regierungen. In Belgien etwa wird ein Programm zur Unterstützung betrieblich vereinbarter Arbeitszeitverkürzungen umgesetzt. Die niederländische, die finnische und andere Regierungen haben nach dänischem Vorbild neue Programme auf den Weg gebracht: Sie fördern Arbeitsunterbrechungen in Verbindung mit befristeten Neueinstellungen.
  Selbst die neoliberale Regierung in Großbritannien hat ein Arbeitszeitgesetz verabschiedet, das – immerhin – im diesem Herbst die EU-Arbeitszeitdirektive auf der Insel eingeführt hat: Insgesamt gibt die Entwicklung in einigen der hier erwähnten Länder und in Japan und den USA zwar nicht Anlaß zu der Erwartung, wir befänden uns am Vorabend einer neuen Welle von Arbeitszeitverkürzungen in Europa. Realistischer ist eine andere Einschätzung: Der seit längerem herrschende Stillstand von flächendeckenden Arbeitszeitverkürzungen wird so bald nicht überwunden.
  Aber der Kreis der Länder erweitert sich, in denen erneut und neu über Wege zu kürzeren Arbeitszeiten nachgedacht wird. Das ist bemerkenswert. In einigen Fällen werden darüber hinaus konkrete politische Initiativen ergriffen. Am wichtigsten ist ohne Zweifel der Vorstoß der französischen Regierung. Dort finden sich viele Anregungen. Wenigstens ein Teil von ihnen müßte in Deutschland aufgegriffen werden. Vielleicht könnte so der Prozeß der Arbeitszeitverkürzung wieder beschleunigt werden.
  Dazu ist es notwendig zu verstehen, warum die Arbeitszeitverkürzung seit mehr als 20 Jahren stagniert. Längerfristige Betrachtungen zeigen zwar: Die durchschnittlichen Arbeitszeiten pro Beschäftigtem in den meisten industrialisierten Ländern sind im 20.Jahrhundert erheblich zurückgegangen. Doch das Tempo dieses Rückgangs hat sich seit Mitte der 70er Jahre deutlich verlangsamt. Hinter der Veränderung der Durchschnittsarbeitszeiten verbirgt sich zudem eine wesentliche Strukturverschiebung.
  Nicht alles ist sinkende durchschnittliche Arbeitszeit, was in der Statistik als solche abgebildet wird. Ein immer größerer Teil davon geht nämlich auf die Zunahme von Teilzeitarbeit zurück. Parallel dazu nimmt das rechnerische Gewicht von tariflichen Verkürzungen der Vollzeitarbeit ab. Aus der Statistik läßt sich also eine versteckte Botschaft herauslesen: "Individuelle" Arbeitszeitverkürzung tritt allmählich an die Stelle "kollektiver" Arbeitszeitverkürzung. Können aber kollektivvertragliche Verkürzungen der Standardarbeitszeit tatsächlich durch die Ausbreitung von Teilzeitarbeit ersetzt werden?
  Wäre dadurch ein Angebotsüberschuß auf dem Arbeitsmarkt wirksamer zu absorbieren als durch die Wiederbelebung einer Politik kollektivvertraglicher Arbeitszeitverkürzungen? "Individuelle" statt "kollektiver" Arbeitszeitverkürzung stimmt als Motto auf jeden Fall mehr mit dem Zeitgeist des Neoliberalismus überein. Als politische Strategie ist "individuelle" Arbeitszeitverkürzung jedoch allzu oberflächlich. Sie beruht lediglich auf einfachen Trendhochrechnungen.
  Begründet wird die Strategie mit statistischen Momentaufnahmen, die eine Illusion aufbauen: Was als Akzentverschiebung von "kollektiver" hin zu "individueller" Arbeitszeitverkürzung erscheint, ist in Wirklichkeit nur auf die Zahl der Beschäftigten zurückzuführen. Sie ist in dem betreffenden Zeitraum angestiegen. Die hinzugekommenen Beschäftigten waren mehrheitlich Frauen, die wiederum mehrheitlich in der Form von Teilzeitarbeit erwerbstätig sind.
  Teilzeitarbeit von Frauen ist der dynamischste Faktor auf den Arbeitsmärkten. Von ihm geht der größte Beitrag zum Beschäftigungswachstum in der EU im zurückliegenden Wachstumszyklus aus. Dadurch hat sich zwar im statistischen Durchschnitt die pro Person geleistete Arbeitszeit weiter verkürzt. Doch hat dies in den meisten Fällen nichts mit einer Arbeitszeitverkürzung zu tun, die auf die einzelne Person bezogen, also wirklich individuell ist. Für viele Frauen wird es sich eher um eine individuelle Arbeitszeitverlängerung handeln: z.B. von 0 auf 20 Stunden – bezüglich ihrer Erwerbsarbeitszeit. Wer also Arbeitszeittrends analysiert, muß berücksichtigen: Frauen beteiligen sich immer mehr an der Erwerbsarbeit.
  In welche Richtung eine Strategie zur weiteren Verkürzung der Arbeitszeit gehen müßte, zeigt eine in diesem Jahr veröffentlichte Studie der OECD: "In solchen Ländern, wo Kollektivverhandlungen entwickelter sind, sinkt die Arbeitszeit rascher", heißt es in der Untersuchung, die die Entwicklung in elf industrialisierten Ländern in den letzten 20 Jahren berücksichtigt. Die OECD hat dabei drei Indikatoren für die Stärke von Tarifsystemen ausgemacht: gewerkschaftlicher Organisationsgrad, Deckungsrate von Tarifverträgen und Zentralisierungsgrad von Tarifverhandlungen.
  Christoph Ruhkamp
 


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