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Die Produktivität und die Massenerwerbslosigkeit
wachsen gleichzeitig an. Um diesen Zusammenhang aufzuheben, sind in den vergangenen
Monaten überall in Europa wieder Arbeitszeitverkürzungen versucht worden.
In Deutschland herrscht derweil noch immer Friedhofsruhe.
Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst der Arbeitszeitverkürzung: Im Jahr
2000 wird die französische Regierung die 35-Stunden-Woche per Gesetz
einführen. Mit ihrer Politik geht sie im europäischen Vergleich am
energischsten gegen die Erwerbslosigkeit vor. Auch in Italien hat die Regierung einen
Rahmengesetzentwurf für Tarifverhandlungen vorgelegt. Das Ziel des Entwurfs ist der
Übergang zur 35-Stunden-Woche ab dem Jahr 2001. In Spanien hat die
sozialdemokratische Gewerkschaft UGT die französische Politik zum Vorbild
genommen: Sie fordert von der eigenen Regierung ebenfalls eine gesetzliche Initiative zur
Arbeitszeitverkürzung.
In den Niederlanden hatten die Gewerkschaften zehn Jahre lang ausschließlich Teilzeitarbeit
gefördert. 1997 setzten sie nun in einigen Dienstleistungsbereichen erstmals wieder
kollektivvertragliche Arbeitszeitverkürzungen durch. In Schweden fordert die
Regierung die Tarifparteien zu Verhandlungen über Arbeitszeitverkürzungen
auf. Sie droht eigene Schritte an, falls diese Verhandlungen zu keinen Ergebnissen
führen. Und in Dänemark fand Anfang dieses Jahres die seit langem
bemerkenswerteste Massenaktion für Arbeitszeitverkürzungen statt: ein
elftägiger Generalstreik für die sechste Urlaubswoche.
Den Streik in Dänemark beendete die Regierung mit einer umstrittenen
Zwangsschlichtung: Alle Beschäftigten erhalten einen Tag mehr Urlaub, Frauen und
Männer mit Kindern zusätzlich zwei (ab 1999 drei)
"Kinderbetreuungstage". Das Resultat ruft in Erinnerung: Es gibt auch andere
Gründe für Arbeitszeitverkürzungen als allein die Bekämpfung
der Erwerbslosigkeit.
Und noch etwas hat sich verändert in den letzten Jahren: Früher machten
Gewerkschaften Arbeitszeitpolitik, heute sind es immer öfter die Regierungen. In
Belgien etwa wird ein Programm zur Unterstützung betrieblich vereinbarter
Arbeitszeitverkürzungen umgesetzt. Die niederländische, die finnische und
andere Regierungen haben nach dänischem Vorbild neue Programme auf den Weg
gebracht: Sie fördern Arbeitsunterbrechungen in Verbindung mit befristeten
Neueinstellungen.
Selbst die neoliberale Regierung in Großbritannien hat ein Arbeitszeitgesetz verabschiedet,
das – immerhin – im diesem Herbst die EU-Arbeitszeitdirektive auf der Insel
eingeführt hat: Insgesamt gibt die Entwicklung in einigen der hier erwähnten
Länder und in Japan und den USA zwar nicht Anlaß zu der Erwartung, wir
befänden uns am Vorabend einer neuen Welle von Arbeitszeitverkürzungen in
Europa. Realistischer ist eine andere Einschätzung: Der seit längerem
herrschende Stillstand von flächendeckenden Arbeitszeitverkürzungen wird so
bald nicht überwunden.
Aber der Kreis der Länder erweitert sich, in denen erneut und neu über Wege zu
kürzeren Arbeitszeiten nachgedacht wird. Das ist bemerkenswert. In einigen
Fällen werden darüber hinaus konkrete politische Initiativen ergriffen. Am
wichtigsten ist ohne Zweifel der Vorstoß der französischen Regierung. Dort finden
sich viele Anregungen. Wenigstens ein Teil von ihnen müßte in Deutschland
aufgegriffen werden. Vielleicht könnte so der Prozeß der Arbeitszeitverkürzung
wieder beschleunigt werden.
Dazu ist es notwendig zu verstehen, warum die Arbeitszeitverkürzung seit mehr als 20
Jahren stagniert. Längerfristige Betrachtungen zeigen zwar: Die durchschnittlichen
Arbeitszeiten pro Beschäftigtem in den meisten industrialisierten Ländern sind
im 20.Jahrhundert erheblich zurückgegangen. Doch das Tempo dieses
Rückgangs hat sich seit Mitte der 70er Jahre deutlich verlangsamt. Hinter der
Veränderung der Durchschnittsarbeitszeiten verbirgt sich zudem eine wesentliche
Strukturverschiebung.
Nicht alles ist sinkende durchschnittliche Arbeitszeit, was in der Statistik als solche
abgebildet wird. Ein immer größerer Teil davon geht nämlich auf die Zunahme
von Teilzeitarbeit zurück. Parallel dazu nimmt das rechnerische Gewicht von
tariflichen Verkürzungen der Vollzeitarbeit ab. Aus der Statistik läßt sich also
eine versteckte Botschaft herauslesen: "Individuelle"
Arbeitszeitverkürzung tritt allmählich an die Stelle "kollektiver"
Arbeitszeitverkürzung. Können aber kollektivvertragliche Verkürzungen
der Standardarbeitszeit tatsächlich durch die Ausbreitung von Teilzeitarbeit ersetzt
werden?
Wäre dadurch ein Angebotsüberschuß auf dem Arbeitsmarkt wirksamer zu
absorbieren als durch die Wiederbelebung einer Politik kollektivvertraglicher
Arbeitszeitverkürzungen? "Individuelle" statt "kollektiver"
Arbeitszeitverkürzung stimmt als Motto auf jeden Fall mehr mit dem Zeitgeist des
Neoliberalismus überein. Als politische Strategie ist "individuelle"
Arbeitszeitverkürzung jedoch allzu oberflächlich. Sie beruht lediglich auf
einfachen Trendhochrechnungen.
Begründet wird die Strategie mit statistischen Momentaufnahmen, die eine Illusion
aufbauen: Was als Akzentverschiebung von "kollektiver" hin zu
"individueller" Arbeitszeitverkürzung erscheint, ist in Wirklichkeit nur
auf die Zahl der Beschäftigten zurückzuführen. Sie ist in dem
betreffenden Zeitraum angestiegen. Die hinzugekommenen Beschäftigten waren
mehrheitlich Frauen, die wiederum mehrheitlich in der Form von Teilzeitarbeit
erwerbstätig sind.
Teilzeitarbeit von Frauen ist der dynamischste Faktor auf den Arbeitsmärkten. Von
ihm geht der größte Beitrag zum Beschäftigungswachstum in der EU im
zurückliegenden Wachstumszyklus aus. Dadurch hat sich zwar im statistischen
Durchschnitt die pro Person geleistete Arbeitszeit weiter verkürzt. Doch hat dies in
den meisten Fällen nichts mit einer Arbeitszeitverkürzung zu tun, die auf die
einzelne Person bezogen, also wirklich individuell ist. Für viele Frauen wird es sich
eher um eine individuelle Arbeitszeitverlängerung handeln: z.B. von 0 auf 20 Stunden
– bezüglich ihrer Erwerbsarbeitszeit. Wer also Arbeitszeittrends analysiert, muß
berücksichtigen: Frauen beteiligen sich immer mehr an der Erwerbsarbeit.
In welche Richtung eine Strategie zur weiteren Verkürzung der Arbeitszeit gehen
müßte, zeigt eine in diesem Jahr veröffentlichte Studie der OECD: "In
solchen Ländern, wo Kollektivverhandlungen entwickelter sind, sinkt die Arbeitszeit
rascher", heißt es in der Untersuchung, die die Entwicklung in elf industrialisierten
Ländern in den letzten 20 Jahren berücksichtigt. Die OECD hat dabei drei
Indikatoren für die Stärke von Tarifsystemen ausgemacht: gewerkschaftlicher
Organisationsgrad, Deckungsrate von Tarifverträgen und Zentralisierungsgrad von
Tarifverhandlungen.
Christoph Ruhkamp